Macht sich die Schweiz zur Komplizin?

Goldhandel finanziert eine paramilitärische Gruppe im Sudan – und damit auch den Krieg, der seit bald einem Jahr im Sudan herrscht. Die Handelspartner:innen der Paramilitärs sind aufgrund der branchenüblichen Intransparenz nicht öffentlich bekannt. Recherchen legen nahe, dass sich beim verschwiegenen Geschäft auch die Schweiz zur Komplizin macht.

Pieces of rocks are put to a special machine which is crushing it into dust in Sudan. Pieces of rocks are put to a special machine which is crushing it into dust in Sudan.

«Gold ist im Krieg im Sudan zum militärischen Ziel geworden», erklärt der sudanesische Forscher Mohamed Salah Abdelrahman. Die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) finanzieren sich seit Jahren mitunter durch ihren Einfluss und die Kontrolle über den Goldhandel im Sudan – einhergehend mit Menschenrechtsverletzungen und der Unterdrückung prodemokratischer Proteste. Nun ist Gold für die Paramilitärs auch ein Mittel ihrer Finanzierung des offenen Krieges, der dieses Frühjahr im Sudan ausgebrochen ist und bereits über 7000 Menschenleben gekostet und mehr als vier Millionen Menschen in die Flucht gezwungen hat.

Seit Jahren nehmen der als Hemedti bekannte Kopf der RSF und sein Umfeld Schlüsselpositionen im Goldhandel ein. Das hat den Paramilitärs zu finanzieller Unabhängigkeit und zunehmender Macht verholfen: Mitunter sicherten sie sich die militärische Kontrolle der Jebel Amer Minen in Darfur und eine der grössten Goldhandelsfirmen im Sudan, al-Gunade, ist im Familienbesitz Hemedtis. Über diese gelangte Gold aus Darfur an die Sudanesische Zentralbank und dann nach Dubai – und von dort mutmasslich auch in die Schweiz.

Seit dem Sturz al-Bashirs haben die Paramilitärs ihre Kontrolle des Goldhandels noch verstärkt, etwa indem sie ihren Einflussbereich auf die politische Sphäre und auf Minen ausgedehnt haben, die sich ausserhalb ihrer militärischen Kontrolle befinden. Ein Monat nach Kriegsausbruch fielen die Sudanesische Goldraffinerie und die Goldvorräte der Sudanesischen Zentralbank in die Hände der Rapid Support Forces. Goldhandel mit dem Sudan bedeutet mit grosser Wahrscheinlichkeit Handel mit den Paramilitärs.

Internationaler Goldhandel mit Gold

Seit Jahren gelangt ein bedeutender Teil des Goldes auf Schmuggelrouten aus dem Sudan. Seit Beginn der Kämpfe sind es deren 90 Prozent, schätzen Expert:innen: Recherchen und die seltenen offiziell bestätigten Exportzahlen machen deutlich, dass ein bedeutender Teil des Goldes nach Dubai gelangen muss. In diesem Zusammenhang ist ein Unternehmen in unterschiedlichen Publikationen genannt: die in Dubai ansässige Kalotigruppe.

Die Kalotigruppe ist eine der weltweit grössten Goldraffinerien und -händler:innen. 2012 nahm die Kalotigruppe den Goldhandel mit dem Sudan auf und ist 2018 zur grössten Käuferin sudanesischen Goldes geworden. Gemäss Global Witness importierte die Kalotigruppe Gold von der Sudanesischen Zentralbank. Diese wiederum handelt unter anderem mit Gold aus Darfur und der Firma al-Gunade, die sich im Familienbesitz Hemedtis befindet. Die Kalotigruppe erlangte internationale Bekanntheit, da sie nicht nur mit Konfliktgold aus dem Sudan handelt, sondern auch mit Gold aus anderen Regionen, in denen Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Goldminen und -handel stattfinden – und dies zu verschleiern sucht.

Schweiz stellt Profite über Menschenrechte

In der beschaulichen Schweiz, mehrere tausend Kilometer von Dubai und den Kampfhandlungen im Sudan entfernt, befinden sich mehrere der grössten Goldraffinerien. Diese veredeln oder handeln rund siebzig Prozent allen Goldes – auch solches, das sie aus Dubai bezogen haben. Die am Handel beteiligten Firmen und die genaue Herkunft des Goldes bleiben jedoch im Dunkeln.

Diese Intransparenz ist politisch geschützt: Forderungen nach mehr Transparenz auf dem Schweizer Goldplatz stossen bei Behörden auf so taube Ohren, dass die GfbV für Transparenz bis vor Bundesgericht ging (siehe Kasten). Manchmal bringen Recherchen diese dennoch ans Licht: Bereits 2018 deckte die Gesellschaft für bedrohte Völker auf, dass die Raffinerie PAMP mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der Kalotigruppe handelte – was PAMP stets bestritt.

Und auch Valcambi unterhielt zumindest in der Vergangenheit Beziehungen zur Kalotigruppe. Das Unternehmen habe den Handel aber eingestellt, schrieb es in einer Mail an die Nachrichtenagentur Middle East Eye: Valcambi unterhalte «seit November 2019 keine Handelsbeziehung zu Kaloti» und habe «niemals Materialien aus dem Sudan bezogen». Medienberichte hingegen machten öffentlich, dass sich die Edelmetallkontrolle am 20. Dezember 2020 in einem Brief an die Tessiner Raffinerie besorgt zeigte: «Die geprüften Unterlagen zeigen auf, dass die Geschäftsleitung der Valcambi SA entschieden hat, die Geschäftsbeziehung mit Trust One aufrechtzuerhalten, obwohl bezogen auf MTM-Gold ein hohes Risiko betreffend die Herkunft des Goldes besteht». Valcambi bezog also gemäss Edelmetallkontrolle indirekt Gold von der Kalotigruppe: Die in Dubai ansässige Raffinerie MTM gehört der Kalotigruppe an, und niemand weniger als der Sohn des Kalotigründers sitzt im Vorstand der Londoner Handelsfirma Trust One.

Gold aus Dubai über London zu importieren ermöglicht, die UK als Herkunft der Importe angeben – und damit weder mit der Kalotigruppe noch dem Sudan in Verbindung gebracht werden. Doch es findet nicht nur indirekter Handel mit Raffinerien in Dubai statt: 2018 schrieb die Gesellschaft für bedrohte Völker in einem Bericht über die Geschäfte der Tessiner Raffinerien mit Dubai – darunter mit der Kalotigruppe. Im Jahr der Publikation sanken die Goldimporte aus der VAE beträchtlich, um sich danach wieder bei rund 7-8 Milliarden Franken jährlich einzupendeln. Dieses Jahr erreichen sie bereits nach den ersten acht Monaten fast sechs Milliarden Franken. Dass es anders geht, zeigt die Neuenburger Raffinerie Metalor: Sie bestätigte, dass sie aus Dubai grundsätzlich kein Gold mehr bezieht.

Das Problem hat System – Widerstand erschwert

Die Beteuerung Valcambis, niemals Materialien aus dem Sudan bezogen zu haben, lässt sich aufgrund der Intransparenz in der gesamten Handelskette – von Sudan über Dubai und London bis in die Schweiz – nicht überprüfen. Sie macht es unmöglich, die Herkunft des Goldes zu bestimmen. Und damit unmöglich, Unternehmen und Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, deren Profite auf Menschenrechtsverletzungen beruhen. So kann Geld unbeobachtet an Gruppen wie die Rapid Support Forces fliessen – und in die Kassen eines Krieges, der bereits tausenden Menschen das Leben gekostet hat und der dem jahrelangen Kampf für ein basisdemokratisch organisiertes Sudan herbe Rückschläge erteilt.

Text: Reta Barfuss
Foto: alamy

Bei Redaktionsschluss am 01.11. gingen der Krieg und die Kämpfe um die Kontrolle des Goldhandels unvermindert weiter und die Zahlen der Todesopfer stiegen täglich.

Enttäuschender Bundesgerichtsentscheid: Goldhandel bleibt undurchsichtig

Das Goldgeschäft ist absolut undurchsichtig: Weiterhin darf niemand wissen, mit welchen Handelspartner:innen Goldhändler:innen und Raffinerien geschäften. Das Bundesgericht hat am 15. November die Chance verpasst, dies grundlegend zu ändern und endlich für mehr Transparenz im Goldgeschäft zu sorgen. Im Februar 2018 stellte die Gesellschaft für bedrohte Völker bei der Eidgenössischen Zollverwaltung ein Gesuch auf Einsicht in die detaillierten Zahlen zu den Goldimporten der Schweizer Goldraffinerien. Dies lehnte das Bundesgericht nun als letzte Instanz ab und sorgt dafür, dass sich die Goldraffinerien auch weiterhin hinter einem absurd weit gefassten Geschäfts-und Steuergeheimnis verstecken können. Damit verunmöglicht es, dass die Öffentlichkeit erfährt, mit wem die Raffinerien Geschäfte treiben und wie ernsthaft sie Sorgfaltsprüfungen durchführen.

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