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Gesellschaft für bedrohte Völker

Kinder der Landstrasse

«Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse»

Ein düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte
Die Diskriminierung von Jenischen, Sinti und Roma reicht in der Schweiz weit zurück. So war es ausländischen Roma, Sinti und Jenischen zwischen 1906-1972 verboten, in die Schweiz einzureisen. Als sie im zweiten Weltkrieg durch den Nationalsozialismus verfolgt wurden, gewährte die Schweiz ihnen kein Asyl – einige der Abgewiesenen starben anschliessend in Konzentrationslagern. Doch nicht nur ausländische Roma, Sinti und Jenische hatten es während dieser Zeit schwer in der Schweiz, auch die Schweizer Minderheitenangehörigen waren den Behörden ein Dorn im Auge. Diese sahen Roma, Sinti und Jenische als «Gefahr», die in «Banden» und «Horden» auftrete und eine «Plage» sei». Sie wurden in der Schweiz polizeilich aufgegriffen und ihre Daten zwischen 1911-1990 im «Zigeunerregister» registriert. Nach diesem Eintrag wurden die Familien getrennt: Frauen und Kinder wurden in Heimen untergebracht, während die Männer in Strafanstalten überführt wurden.

Ein besonders dunkles Kapitel hinsichtlich der Schweiz im Umgang mit ihren Minderheiten war das sogenannte «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Organisation Pro Juventute, welches auch vom Bund finanziell unterstützt wurde. Ziel dieses Projekts war es, die Schweizer Jenischen zu «sesshaften, brauchbaren Bürgern» zu machen, was schlussendlich in der Ausrottung der jenischen Kultur münden sollte. Im Rahmen des «Hilfswerks» wurden zwischen 1926-1973 fast 600 jenische Kinder ihren Familien entrissen und in Heimen oder Pflegefamilien fremdplatziert. Für die Betroffenen hatten die Fremdplatzierungen und fürsorgerischen Zwangsmassnahmen tiefgreifende Folgen: sie waren oft grausamen Misshandlungen und in vielen Fällen auch sexuellem Missbrauch ausgesetzt, ein Viertel von ihnen wurde kriminalisiert und weggesperrt. 80% der Betroffenen konnten keinen Beruf ausüben.

Erst am 3. Juni 1986, anlässlich der Nationalratsdebatte über den Geschäftsbericht des Bundesrates, entschuldigte sich der damalige Bundespräsident Alphons Egli dafür, dass der Bund das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» mitfinanziert hatte. Diese Entschuldigung war ein wichtiger, symbolischer Akt der politischen Aufarbeitung der schweren und systematischen Verfolgung, welcher die Jenischen in der Schweiz bis 1973 unterzogen wurden und markierte einen Wendepunkt auf dem Weg hin zur Anerkennung dieser Minderheit.

Unsere Forderungen
  • Umsetzung des Europäischen Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten
  • Aufarbeitung und Vermittlung der Kultur-und Verfolgungsgeschichte der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz
  • Anerkennung der Jenischen, Sinti und Roma als nationale Minderheiten
  • Verstärkte politische Partizipation und Teilhabe der Selbstorganisationen der Jenischen, Sinti und Roma


Eröffnungsrede von Isabelle Chassot