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Gesellschaft für bedrohte Völker

Sri Lanka: Menschenrechte & Tourismus

Zusammenfassung

Sri Lanka ist eine boomende Tourismusdestination. 2014 besuchten über 1,5 Millionen Menschen die Ferieninsel im indischen Ozean. Mit 102 977 Besuchern bildet Deutschland die zweitgrösste, die Schweiz mit 20 097 die fünftgrösste Tourismusgruppe aus Westeuropa. Sri Lanka ist jedoch nicht nur eine idyllische Feriendestination für Sonnenhungrige. Es ist auch ein Land voller Schattenseiten: einem 26-jährigen Bürgerkrieg mit nicht aufgearbeiteten Kriegsverbrechen und einer besorgniserregenden Menschenrechtsbilanz.

Die Unterdrückung der ethnischen und religiösen Minderheiten ist auch nach Kriegsende weit verbreitet. Bei ihrem Besuch Ende August 2013 bezeichnete die damalige UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay das Land als zunehmend autokratisch.

Im Januar 2015 kam es zu einem überraschenden Machtwechsel. In den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen unterlag Mahinda Rajapaksa seinem ehemaligen Vertrauten Maithripala Sirisena mit 47,58 % zu 51,28 % der Stimmen. In seinem Wahlmanifest versprach Sirisena, die Korruption zu bekämpfen, die Menschenrechte zu achten und den Rechtsstaat sowie die demokratischen Prinzipien wiederherzustellen. Auch soll die Macht des Präsidenten eingeschränkt werden. Basierend auf seinem Wahlmanifest veröffentlichte Sirisena nach der Wahl ein konkretes Programm für die ersten 100 Tage.

Trotz dieser hoffnungsvollen Ausgangslage fällt auf, dass eine internationale, unabhängige Aufarbeitung der Kriegsverbrechen aller Kriegsparteien und die konkrete Verbesserung der Minderheitenrechte in diesem Programm nicht prioritär gewichtet werden. Die beiden Themen fehlen in seinem Manifest gänzlich. Dies kommt auch nicht überraschend. Unter seinem Vorgänger Mahinda Rajapaksa nahm Sirisena wichtige Ministerposten wahr. Auch übte er während des Bürgerkrieges mehrmals die Position des Verteidigungsministers ad interim aus.

Den grossen menschenrechtlichen Defiziten zum Trotz verbreitet die sri-lankische Regierung nach aussen hin ein Bild von einem scheinbar zur Normalität zurückgekehrten Land. Das Image einer friedlichen und prosperierenden Feriendestination wird in Westeuropa offensiv vermarktet. Der vorliegende Bericht zeigt jedoch in aller Deutlichkeit die ernüchternde Realität hinter dem Hochglanzprospekt.


Fazit

Aufgrund der Faktenlage und unseren Rechercheergebnissen in den Tourismusregionen Kalpitiya, Kuchchaveli und Passikudah stellen wir Folgendes fest:

- Die Sri Lanka Tourism Development Authorithy (SLTDA) hält sich im Umgang mit der lokalen Bevölkerung in den nachgewiesenen Fällen nicht an die eigenen, minimalen Entwicklungsstandards. Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen werden nur sporadisch durchgeführt. Über die Ergebnisse herrscht je nach Region wenig bis keine Transparenz.

- Die lokale Bevölkerung wird von der SLTDA und den Investoren nicht über bevorstehende Tourismusprojekte konsultiert und über die Konsequenzen nur ungenügend informiert. Es gibt kein Konsultationsverfahren, das die lokale Bevölkerung einbindet und mitentscheiden lässt.

- Obwohl eine dauerhafte Überbauung der Meeresküsten vom zuständigen Ministerium explizit untersagt ist, wird dieses Verbot von der SLTDA und den Investoren ignoriert.

- Die Bewegungsfreiheit wurde in allen drei Orten für die Küstenbevölkerung eingeschränkt. Uneingeschränkte Zugänge zum Meer gingen verloren. Die Möglichkeiten für den Fischfang werden massiv beschränkt oder verboten. Dies bedroht die Existenzgrundlage der lokalen Fischer.

- Die lokale Bevölkerung findet im Tourismus nur ein sehr beschränktes Einkommen. Die meisten Angestellten in den Hotels stammen aus weiter entfernten Regionen Sri Lankas. Die Fische für die Hotels werden von Zwischenhändlern eingekauft, die lokalen Fischer kaum berücksichtigt.

- Trotz gegenteiligen Versprechen der Regierung profitiert die lokale Bevölkerung nur zu einem geringen Teil von der verbesserten Infrastruktur. Im Gegenteil: Der Tourismus beeinträchtigt den Alltag der Bevölkerung enorm. Öffentliche Einrichtungen mussten Tourismusprojekten weichen. In Kalpitiya wird durch den Wasserverbrauch der Hotels und Resorts die Wasserversorgung der Bevölkerung beeinträchtigt.

- In allen drei untersuchten Regionen kam es aufgrund der touristischen Entwicklung zu widerrechtlichen Landenteignungen oder Vertreibungen durch die SLTDA, das Militär oder Investoren.

- Oft müssen Kompensationszahlungen über den Gerichtsweg erstritten werden. Aussergerichtliche Beschwerdeinstanzen fehlen gänzlich.

- Die bedeutungsvolle Rolle und die Wichtigkeit der Frau in der traditionellen Fischerei wird durch die Tourismusprojekte gefährdet und marginalisiert.





Forderungen

Aufgrund der oben aufgeführten Menschenrechtsverletzungen sehen wir dringenden Handlungsbedarf. Unsere Forderungen richten sich sowohl an die sri-lankische Regierung, an die Regierungen der Schweiz, Deutschland und der EU, als auch an die Reiseanbieter, Hotels und Investoren:


AN SCHWEIZER UND DEUTSCHE REISEANBIETER MIT ANGEBOTEN IN SRI LANKA:

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht besser wahrnehmen und überprüfen

- Reiseanbieter dürfen keine Hotels anbieten, die auf enteignetem Land gebaut wurden, den Zugang zum Meer für lokale Fischerfamilien einschränken, Frauen und Minderheiten diskriminieren oder die gewerkschaftliche Organisation der Mitarbeitenden verbieten oder einschränken.

- Reiseanbieter dürfen keine vom Militär geführten Hotels und andere touristische Aktivitäten des Militärs anbieten, solange nicht nachweislich festgestellt wurde, dass sie nicht auf widerrechtlicher Landaneignung oder anderweitigen Menschenrechtsverletzungen basieren.

- Reiseanbieter müssen die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in ihrer gesamten Wertschöpfungskette – also auch bei den angebotenen Hotels und anderen touristischen Aktivitäten - regelmässig prüfen und sicherstellen, dass sowohl durch ihre eigenen als auch durch die Tätigkeit und die Aktivitäten ihrer Zulieferer und Dienstleister keine Menschenrechte verletzt werden.

- Reiseanbieter sollen ihrerseits Beschwerdemechanismen einführen, die von der betroffenen Bevölkerung genutzt werden können. Menschenrechtsverletzungen im Tourismus muss konkret entgegengewirkt werden und Schäden müssen wieder gut gemacht werden.


Des Weiteren fordert die GfbV die neue sri-lankische Regierung auf, ihre Tourismusstrategie zu revidieren, die bestehenden Gesetze und Vorgaben durchzusetzen und die Bevölkerung, inklusive aller Minderheiten, vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Sri Lanka benötigt wirtschaftliche Entwicklung im Tourismus – diese darf aber nicht auf Kosten von Menschenrechtsverletzungen, Landenteignungen oder Vertreibungen gehen. Schweizer Reiseanbieter sind nun gefordert, genauer hinzuschauen und ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in Sri Lanka wahrzunehmen.


Einfluss des Militärs

Trotz Ende des Bürgerkrieges wurden die Ausgaben für das Militär in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Während im 2009, dem letzten Kriegsjahr, EUR 1,1 Milliarden1 für Militärausgaben reserviert waren, soll der reservierte Betrag für das Jahr 2015 bereits bei knapp EUR 1,9 Mia. liegen – das sind 16,6 Prozent der prognostizierten Haushaltsausgaben. Dabei fokussiert sich das Militär verstärkt auf den Tourismus. Armee, Marine und Luftwaffe haben im ganzen Land Hotels eröffnet und bieten Touristen zunehmend Aktivitäten an. Die touristischen Angebote durch das Militär sind deshalb problematisch, weil der Lokalbevölkerung dadurch eine wichtige Einkommensquelle entzogen wird. Die Militärangehörigen, die im Tourismus arbeiten, beziehen ihren Lohn direkt vom Militärdepartement. Im Gegenzug sichert sich das Militär ein lukratives Zusatzeinkommen im Tourismussektor und kann Angebote zu tieferen Preisen anbieten als privatwirtschaftliche Unternehmen. Die Angestellten geben sich relativ offen als Militärangehörige zu erkennen, einige tragen sogar Uniformen. Es stellt sich auch die Frage, was mit dem erwirtschafteten Gewinn dieser touristischen Angebote geschieht. Hier herrscht keine Transparenz.


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Fischer - vom Tourismus bedroht


Video: The fishermen from Nilaveli, © Michael Philipp, luxs.ch
Zum Youtube-Film

Download Bericht deutsch

Web
Sri Lanka: Menschenrechte und Tourismus Langversion deutsch (PDF, 1.59 MB) Zusammenfassung Bericht deutsch (PDF, 50 KB)

Bericht auf englisch / Report english

Kontaktperson bei der GfbV

Yves Bowie
Kampagnenleiter Sri Lanka
+ 41 (0) 31 939 00 09
yves.bowie@gfbv.ch

Report in tamil

-
Tourismusbericht Sri Lanka (tamilisch) (PDF, 4.95 MB)

Kommentar zum GfbV-Bericht

von fairunterwegs und tourism watch
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