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Gesellschaft für bedrohte Völker

Sri Lanka: Militarisierung auf der Jaffna-Halbinsel

Der GfbV-Bericht „Schatten des Militärs. Die lokale Bevölkerung und die Folgen der Militarisierung auf der Jaffna-Halbinsel“

Sri Lanka hat einen 26 Jahre langen und bitteren Bürgerkrieg erlebt. Der Kampf für einen eigenen tamilischen Staat im Norden und Osten der Insel wurde 2009 brutal von sri-lankischen Regierungstruppen niedergeschlagen. Zehntausende Menschen sind im Krieg gestorben und Millionen wurden vertrieben. Beide Seiten werden beschuldigt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begangen zu haben. Im Januar 2015 verlor der amtierende Präsident Mahinda Rajapaksa, der das Land in einem autoritären Stil mit einer alarmierenden Menschenrechtssituation anführte, die Wahl gegen Maithripala Sirisena. Obwohl der neue Präsident mit der autoritären und repressiven Praxis der vorangegangen Regierung gebrochen hat, verbesserte sich die Menschenrechtssituation nicht signifikant.

Bei Nachforschungen zur Situation auf der Halbinsel Jaffna stellte die GfbV fest, dass die tamilische Lokalbevölkerung die starke Präsenz des Militärs und dessen Beteiligung an wirtschaftlichen Aktivitäten als ein grosses Problem wahrnimmt und als Hindernis für den Versöhnungsprozess darstellt. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt des Berichts „Schatten des Militärs. Die lokale Bevölkerung und die Folgen der Militarisierung auf der Jaffna-Halbinsel“ auf den Auswirkungen der Militarisierung auf die Lokalbevölkerung. Er analysiert, ob und inwieweit menschenrechtliche Grundsätze in Bezug auf die Besetzung und Rückgabe von Gebieten sowie in den wirtschaftlichen Aktivitäten des Militärs eingehalten werden. Ferner geht er auch auf das schmerzvolle Leben in den Lagern für intern Vertriebene ein. Die Feldstudie dieser Recherche wurde von der sri-lankischen GfbV-Partnerorganisation „National Fisheries Solidarity Movement“ (NAFSO) organisiert und durchgeführt.

(Oktober 2016)

Ergebnisse des Jaffna-Berichts

Der Bericht „Schatten des Militärs. Die lokale Bevölkerung und die Folgen der Militarisierung auf der Jaffna-Halbinsel“ zeigt, dass die Folgen des Krieges auf der Jaffna-Halbinsel heute immer noch deutlich zu spüren sind.
  • Der Lokalbevölkerung wird die Bewegungsfreiheit im „Palaly Cantonment“ verwehrt. Die Menschen haben keinen Zugang zu Land und Meer im weiterhin vom Militär besetzten Gebiet und damit ihre traditionelle Lebensgrundlage (Fischerei und Landwirtschaft) verloren. Zusätzlich rauben die wirtschaftlichen Aktivitäten des Militärs im Tourismussektor und in der Landwirtschaft der Lokalbevölkerung wichtige Einnahmequellen.
  • Der Lebensstandard der intern Vertriebenen in den Lagern ist nicht angemessen für Familien: Die Infrastruktur ist ungenügend und die Familien haben kaum Möglichkeiten, genügend Einkommen zu erwirtschaften. Entsprechend sind Hunger und Unterernährung weit verbreitet. Zudem werden die Menschen in den Camps vom Rest der Bevölkerung diskriminiert.
  • Der Wiederansiedlungsprozess der intern Vertriebenen geht nur sehr langsam voran. Nur ein Teil der Flüchtlinge kann auf ihr ursprüngliches Land zurück, wo Fischfang und Landwirtschaft möglich sind. Die anderen Wiederansiedlungsgebiete sind oft ungeeignet, um die traditionellen Lebensweise weiterführen zu können, was die Menschen in Armut belässt.
  • Das Recht auf freie Meinungsäusserung und das Recht auf Information ist auf der Jaffna-Halbinsel eingeschränkt. Zivilgesellschaft und Lokalbevölkerung werden weiterhin von Polizei und Militär überwacht und eingeschüchtert.
  • Frauen und Mädchen bilden die verletzlichste Bevölkerungsgruppe. Ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit wird nicht genügend geschützt. Durch den Krieg sind sie erhöhter geschlechterbezogener Gewalt ausgesetzt, jedoch werden die meisten Fälle aufgrund sozialer Stigmatisierung und aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen nicht den Behörden gemeldet.

Beispiele und Zitate von Betroffenen aus dem Jaffna-Bericht

Militarisierung 
  • Die Fischer haben seit der militärischen Besetzung keinen Zugang mehr zum Hafen von Mayliddy. Dadurch können sie nicht mehr in der Region Fischfang betreiben, was zum Verlust ihrer Lebensgrundlage geführt hat.
  • Das Militär bewirtschaftet Ackerland und eine Rinderherde in Kumbarcity, eine Stadt im Palaly Cantonment, der ehemaligen Hochsicherheitszone. Die Farmarbeiter sind entweder Häftlinge oder Soldaten. So können die Produkte unter den üblichen Marktpreisen verkauft werden. Den eigentlichen privaten Besitzern der Landwirtschaftsfläche und der Viehherde wird der Zugang zum Land verweigert.

Intern Vertriebene 
  • In Supermadam Village gibt es nur drei Trinkwasserquellen und drei Toiletten für 47 Familien. Im Sabapathipillai Camp füllen die Lokalbehörden die Wassertanks für die 114 Familien jeden Tag mit Trinkwasser. Hingegen sind nur zwei von zwölf Toiletten benutzbar und etwa 15 Häuser haben noch keine Elektrizität. 
  • Die Fischer im Neethawan Camp verdienen am Tag 1000 Sri Lanka Rupien (LKR) (EUR 6.20) mit Fischverkäufen. Wenn sie an einem Tag nicht Fisch verkaufen können, stehen sie mit leeren Händen da.

“Wir leiden nicht wegen uns, sondern wegen der Zukunft unserer Kinder.” Bewohnerin von Sabapathipillay

Umsiedlungsprozess
  • Die Anthony Puram Resettlement Area ist eines jener Wiederansiedlungsgebiete, welches nicht das ursprüngliche Land der ehemals intern Vertriebenen ist. Die Menschen wurden dorthin ohne ihre Zustimmung angesiedelt. Die Fischer können von dort aus nicht ins Meer stechen, weil grosse Felsen den Weg versperren. Ausserdem ist der Boden nicht für den landwirtschaftlichen Anbau geeignet. Zusätzlich gibt es weder Elektrizität, noch brauchbare Strassen oder eine Schule. Die Grundbedürfnisse werden dementsprechend nicht gedeckt. 

“Ich bin traurig, dass die anderen Dorfbewohner in meinem Alter auf die Rückkehr in unser Dorf gewartet haben und diese nicht mehr erleben konnten, weil sie vor der Rücksiedlung gestorben sind.”
Rückgesiedelter Mann (86 Jahre) in Tellippalai Varthawilan

Forderungen zur Menschenrechtssituation auf Jaffna

In ihrem Bericht halten die Gesellschaft für bedrohte Völker und ihre Partnerorganisation NAFSO (National Fisheries Solidarity Movement) zahlreiche Menschenrechtsverletzungen auf der Jaffna-Halbinsel fest. Die beiden Organisationen fordern die Regierung von Sri Lanka und die internationale Gemeinschaft dazu auf:
  • die Militärpräsenz auf Jaffna zu reduzieren und die Überwachung der lokalen Bevölkerung zu beenden
  • den wirtschaftlichen Aktivitäten des Militärs ein Ende zu setzen
  • alle besetzten Gebiete ihren ursprünglichen Besitzern zurückzugeben und die intern Vertriebenen beim Wiederansiedlungsprozess miteinzubeziehen
  • die wiederangesiedelten Flüchtlinge beim Aufbau ihrer traditionellen Existenzgrundlage zu unterstützen und ihnen eine ausreichende Grundausstattung wie Trinkwasser, Elektrizität und Sanitäranlagen zur Verfügung zu stellen
  • insbesondere jenen Haushalten einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren, welche von Frauen geführt werden, so dass sie keinen Hunger und keine Unterernährung leiden müssen.


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Sri Lanka: Die Menschenrechtslage verschlimmert sich

Ein  kleines Mädchen in einem Wiederansiedlungsgebiet auf der Jafffna-Halbinsel In Sri Lanka verschlechtert sich die Menschenrechtslage, wie ein Bericht der GfbV nach einer Reise vor Ort zeigt.
Bericht Sri Lanka_Nov 2016_def (PDF, 156 KB)

Unser neuster Bericht ist da

Titelbild des Berichts zur Militarisierung in Jaffna „Schatten des Militärs. Die lokale Bevölkerung und die Folgen der Militarisierung auf der Jaffna-Halbinsel“
Bericht Militarisierung Jaffna Englisch (PDF, 1000 KB) Deutscher Jaffna-Bericht (PDF, 596 KB)

Kontakperson bei der GfbV:

Yves Bowie, Tel.: +41 (0) 31 939 00 09 yves.bowie@gfbv.ch

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