Übersicht
Am Xingu-Fluss im Amazonas hat eine dramatische Entwicklung für die Indigenen begonnen. Die brasilianische Regierung gab im Juni 2011 die definitive Bewilligung für den Bau des gigantischen Belo Monte-Staudamms. Am Xingú-Fluss soll damit das weltweit drittgrösste Wasserkraftwerk entstehen. Durch dieses Riesenprojekt würden die Lebensgrundlagen der dort ansässigen indigenen Bevölkerung geschädigt oder teilweise zerstört und ihre traditionelle Lebensweise eingeschränkt. Bei Altamira müssten mehr als 20‘000 Menschen umgesiedelt werden. GfbV-Recherchen zeigen, dass die direkten Folgen nicht die schlimmsten sind: Die brasilianische Indigenenbehörde FUNAI rechnet mit 100‘000 Zuwanderern im Zusammenhang mit dem Dammbau. Dies erhöht den Druck auf die Indigenenreservate. Hinzu kommt, dass mindestens 500 km² Regenwald und Anbauflächen unter Wasser gesetzt würden. Überschwemmungen auf der einen Seite des Damms und Trockenheit auf der anderen Seite wären die Folge. Die indigenen Arara und Juruna sind besonders betroffen, da der Flussbogen Volta Grande, an der sie leben, fast kein Wasser mehr haben wird. Damit sind ihre Wasserwege nicht mehr befahrbar und der Zugang zum Hauptnahrungsmittel Fisch gefährdet.
GfbV-Recherchen vor Ort deckten auf dass Belo Monte wohl nur der Anfang einer grossen Zerstörungswelle des magischen Amazonas-Regenwaldes und der Indigenenreservate ist: Die Regierung in Brasilien plant den Bau zahlreicher weiterer Staudämme im Amazonas, welche die Flussläufe und damit Fauna und Flora der Region massiv umgestalten würden. Noch schlimmer: Viele Firmen haben in der Region Bewilligungen beantragt, um nach Bodenschätzen suchen zu dürfen. Dies auch mitten in Indigenenreservate, was vom Kongress in Brasilia bewilligt werden kann. Damit würden die Indigenen den Schutz durch die Indigenenreservate verlieren, und die ganze Xingu-Region könnte zu einem Industriezentrum auf Kosten des Regenwaldes und der indigenen Völker werden. Zudem wird im brasilianischen Kongress die Aufweichung des Waldgesetzes diskutiert, welche die Zerstörungsrate des Regenwaldes massiv erhöhen würde.
Seit Herbst 2010 weist die GfbV darauf hin, dass rund 70 km vom geplanten Staudamm entfernt Indigene in freiwilliger Isolation leben. Diese reagieren besonders empfindlich auf forcierte Kontakte mit Nicht-Indigenen und brauchen daher speziellen Schutz. Die GfbV hat daher Ende 2010 zusammen mit der lokalen NGO Kanindé eine Beschwerde bei der Bundesanwaltschaft eingereicht.
Brasilien hat sich auf internationaler wie auf nationaler Ebene verpflichtet, die indigene Bevölkerung in Entscheidungen, welche für ihre Entwicklung relevant sind, einzubeziehen. Diese Verpflichtungen schliessen mit ein, dass die indigene Bevölkerung ihre freie, vorherige Zustimmung in Kenntnis der Sachlage geben oder verweigern kann (Freies, informiertes und vorheriges Einverständnis, FIVE). Trotzdem haben bisher keine substantiellen Verhandlungen mit den Indigenen über das Projekt, seine Auswirkungen auf ihre Lebensgrundlagen und bezüglich Entschädigungen und langfristigen Umsatzbeteiligungen für die betroffenen Indigenen stattgefunden. Die GfbV hat sich entschlossen, die betroffenen Indigenen dabei zu unterstützen, über die Zukunft ihres Lebensraums mitbestimmen zu können.