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Gesellschaft für bedrohte Völker

Tschetschenien: Aufarbeitung und Archivierung der Geschichte

Übersicht

Der Stellenwert von Archiven innerhalb des Menschenrechtsparadigmas hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Archive bewahren nicht nur Erinnerungen, sondern ermöglichen auch eine historische Rechenschaftspflicht. In Tschetschenien, wo der langwierige und weitgehend in Vergessenheit geratene Krieg durch
systematische Menschenrechtsverletzungen geprägt war, kann das Aufbewahren von Aufzeichnungen zu Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverstössen einen entscheidenden Ausgangspunkt für deren Aufarbeitung bieten.

Das Tschetschenienarchiv wurde von der international renommierten Menschenrechtsaktivistin Zainap Gashaeva gegründet, deren Organisation „Echo of War“ seit Beginn des ersten Tschetschenienkrieg in 1994 hunderte von Stunden ungeschnittenes Filmmaterial angesammelt hat. Als im Jahr 1999 die sogenannte "Anti-Terroroperation" startete, wurden diese wertvollen Videos versteckt, das Risiko für Material und Besitzerin war jedoch zu gross. Deshalb wurden seit 2003 die Medien in die Schweiz geschmuggelt und der Gesellschaft für bedrohte Völker übergeben.

Mit der Unterstützung der Organisationen Reporter ohne Grenzen und FriedensFrauen Weltweit konnte in der Folge das Tschetschenienarchiv weiter aufgebaut werden. Das Archiv umfasst heute über 400 Videokassetten sowie zusätzliches Filmmaterial von bekannten JournalistInnen, die im Konfliktgebiet tätig waren. Es enthält wichtige Video- und Fotomaterialien der beiden Tschetschenienkriege, welche ohne die sorgsame Aufbereitung und Aufbewahrung zerstört worden und damit für die interessierte Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich wären.

Neben der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen oder Zeugenaussagen enthält das Tschetschenienarchiv einmalige Berichte über historische, soziale und politische Ereignisse. Die Dokumente können sowohl von Forschern, Anwälten, Journalisten und Nichtregierungsorganisationen als auch von der tschetschenischen und russischen Bevölkerung, welche nur einen beschränkten Zugang zu unabhängigen Informationen über die Tschetschenienkriege hat, eingesehen werden.

Das Ziel des Archivs besteht darin, die kollektiven Erinnerungen und die Wahrheit über die Geschehnisse des Krieges zu bewahren, welcher die tschetschenische Republik verwüstet hat. Fast zwei Jahrzehnte später gibt es noch immer keine öffentliche oder rechtliche Rechenschaft für die Menschenrechtsverletzungen. Die Informationen, welche das Archiv enthält sollen dazu dienen, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, indem ihre kollektiven Erinnerungen an die Vergangenheit gesichert und die Täter von schweren Verbrechen bestraft werden können. Ohne solche Bemühungen gibt es wenig Hoffnung auf Versöhnung und die Spirale der Gewalt dreht sich weiter.

  • Konservierung und Digitalisierung der Archivdokumente, um für Forschungszwecke genutzt werden zu können.
  • Organisation von Anlässen, um die Thematik in der Öffentlichkeit zu diskutieren.
  • Öffentlichkeitsarbeit, um die breite Bevölkerung für die Problematik zu sensibilisieren.
  • Aktuell wird ein Testprojekt über Zeitzeugenbefragungen vor Ort in Tschetschenien durchgeführt.

Siedlungsgebiet:







Die Tschetschenen sind ein kaukasisches Volk, welches im Nordkaukasus in der Russischen Föderation beheimatet ist. Die Tschetschenen leben hauptsächlich in der Teilrepublik Tschetschenien. Da Tschetschenien seit 1994 Schauplatz von brutalen Kriegen und andauernden Menschenrechtsverletzungen ist, leben heute auch viele Tschetschenen in den benachbarten Teilrepubliken, russischen Grossstädten sowie als Flüchtlinge in Europa.
Bevölkerung: 1‘269‘100 in Tschetschenien (offizielle Statistiken)
Diaspora:


 
Ca. 100‘000 in Moskau. Weltweit ca. 200‘000, davon ungefähr 100‘000 im Europa.
Weitere bedeutende Gemeinschaften leben in der Türkei und im Nahen Osten.
Religion: Vorwiegend sunnitischer Islam
Sprache: Tschetschenisch und Russisch



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Kontaktperson bei der GfbV:

Shoma Chatterjee
Kampagnen und Projekte
Tel.: +41 (0) 31 939 00 09
shoma.chatterjee@gfbv.ch

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