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Gesellschaft für bedrohte Völker

„Gebrochene Versprechen – düstere Zukunft“: GfbV veröffentlicht Bericht zur Lage der indigenen Bevölkerung im brasilianischen Amazonas

15.06.2012
Anlässlich des bevorstehenden UNO-Nachhaltigkeitsgipfels „Rio+20“ veröffentlicht die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) heute einen Hintergrundbericht, welcher die akute Bedrohung der indigenen Bevölkerung durch den stark zunehmenden Rohstoffabbau im brasilianischen Amazonas thematisiert.
Wachstum ist die Zauberformel der brasilianischen Regierung. Seit der Einführung des sogenannten Programms zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums (PAC) hat sich die Wirtschaftsleistung des Landes fast verdoppelt. Rohstoffabbau, Zertifikatehandel und Energiebauprojekte führen jedoch immer mehr zur Zerstörung des Lebensraums der indigenen Bevölkerung des Amazonas. Viele indigene Gemeinschaften sind ganz oder teilweise verschwunden oder haben sich in die Tiefen des Regenwaldes zurückgezogen. In Brasilien leben heute noch 817‘000 Indigene – dies entspricht weniger als einem Prozent der gesamten Bevölkerung.
 
Der Hunger nach Bodenschätzen, getrieben durch die grosse Nachfrage in den entwickelten Ländern und in den aufstrebenden Märkten, lässt die Preise für Rohstoffe steigen. Hunderte Gesuche für Rohstoffabbauprojekte wurden eingereicht und zum Teil vom brasilianischen Ministerium für Bergbau bewilligt, sogar in Indigenenschutzgebieten. Die indigene Bevölkerung kommt damit immer stärker in Bedrängnis.
 
„Während Brasilien mit der Verfassung von 1988 noch einen grossen Schritt in Richtung modernen Indigenenschutz unternommen hatte, baut seither das Parlament den menschenrechtlichen Schutz der Indigenen beständig ab“, erklärte GfbV-Geschäftsleiter Christoph Wiedmer. „Ein Beispiel dafür ist das neue Waldgesetz, welches eine massive Zunahme der Abholzung und eine Amnestie für Waldgesetzesbrecher zur Folge zu haben droht.“ Der brasilianische Staat versagt jedoch auch beim konkreten Schutz seiner indigenen Bevölkerung - gegen das Eindringen von Siedlern, Goldwäschern und Wilderern in den Lebensraum der Indigenen geht die Regierung kaum vor. Neue Indigenenreservate werden kaum mehr geschaffen und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung nimmt zu.
 
Der Bericht stellt ein Konzept vor, das zur Lösung von Konflikten zwischen Unternehmen und der indigenen Bevölkerung beitragen könnte: Es handelt sich dabei um das Recht der indigenen Bevölkerung auf ihr freies, informiertes und vorheriges Einverständnis (FIVE) bei allen Aktivitäten Dritter, welche Auswirkungen auf die Indigenen oder ihren Lebensraum haben. Mit der Ratifizierung der Indigenenkonvention ILO 169 und der Zustimmung zur UNO-Deklaration der Rechte der indigenen Völker hat sich Brasilien zum Schutz der Indigenen und u.a. auch zur Einhaltung ihres Mitbestimmungsrechts verpflichtet. Diesen Verpflichtungen müssen nun Taten folgen. Damit könnte Brasilien aufzeigen, dass wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte der indigenen Völker durchaus miteinander vereinbar sind.

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