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Newsletter 393
05.01.2009
Tibets Nomaden droht das Aus: Mehr als 300'000
tibetische Nomaden und Bauern wurden 2008 zwangsumgesiedelt
Der Jahrtausende alten Nomaden-Kultur in Tibet droht der
Untergang. Dies berichtete die Gesellschaft für bedrohte Völker
(GfbV) am Montag, nachdem bekannt geworden war, dass im Jahr 2008
312'000 tibetische Nomaden und Kleinbauern von den chinesischen
Behörden zwangsweise in neue "sozialistische Dörfer" umgesiedelt
worden sind. Viele Nomaden seien dazu gezwungen worden, ihre Yak-,
Ziegen- und Schafherden und damit ihren Lebensunterhalt aufzugeben.
"Wer Tibets Nomaden gezielt ihre
traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweise nimmt, will ihre Kultur
und Identität zerstören", lies die GfbV verlauten. Die staatliche
chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hatte zuvor berichtet, dass im
Jahr 2008 57'800 Nomaden- und Bauernfamilien (insgesamt 312'000
Menschen) im Rahmen des Programms "Komfortables Wohnen" in
Tibet in neuen Häusern angesiedelt worden seien. Das Programm war im
Jahr 2006 gestartet worden und sieht vor, dass 220'000 Familien bis
zum Jahr 2010 in neuen sozialistischen Dörfern sesshaft gemacht
werden sollen. So sollen 80 Prozent der in der Autonomen Region
Tibet lebenden Nomaden, Halbnomaden und Bauern in den neuen
Siedlungen zusammengefasst werden. Insgesamt leben jetzt bereits
170'000 Familien mit rund 860'000 Angehörigen in diesen Dörfern.
Während die chinesischen Behörden von einer Verbesserung des
Lebensstandards der Bewohner der neuen Siedlungen sprechen, regt
sich unter den Betroffenen viel Widerspruch. Viele Nomaden und
Bauern kritisieren, dass ihnen nicht gestattet wurde, die Umsiedlung
abzulehnen und sie ihre alten, oft isoliert liegenden Häuser
aufgeben mussten. In den neuen Siedlungen könnten sie ihre
Viehherden nicht länger aufrechterhalten. Ausserdem seien die Häuser
oft mangelhaft gebaut, und Arbeit gebe es auch nicht ausreichend.
Viele Tibeterinnen und Tibeter kritisieren, sie hätten durch die
Zwangsumsiedlung ihre Unabhängigkeit verloren und seien zu
Lohnarbeitern oder Almosen-Empfängern gemacht worden.
Chinas Behörden bemühen sich bereits seit dem Jahr 2000 gezielt um
die Ansiedlung der tibetischen Nomaden in neuen staatlich besser zu
kontrollierenden Dörfern im Rahmen verschiedener Programme. So soll
nicht nur die traditionelle tibetische Gesellschaft zerstört werden,
sondern auch neuer Raum für Industrie-, Bergbau-, Landwirtschafts-
und Infrastrukturprojekte gewonnen werden. Als Vorwand für die
Ansiedlung der Nomaden wird auf die fortschreitende Umweltzerstörung
verwiesen, für die die Hirten angeblich verantwortlich sein sollen.
Dass die Ursachen für die Umweltprobleme tatsächlich sehr viel
komplexer sind, wird von den Behörden ignoriert.
Dossier China
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