Leseprobe aus Vielfalt Nr. 62: Bosnien, leben mit der Vergangenheit



Mano Khalil: eine Stimme für Überlebende von Saddam Husseins Schreckensregime
Interview: Seraina Caviezel & Bettina Schucan, Mitarbeiterinnen im Bereich Politik der GfbV Schweiz


Der kurdische Regisseur Mano Khalil verleiht Kurden mit seiner Kamera eine Stimme. Im Dokumentarfilm „Al-Anfal – im Namen von Allah, Baath und Saddam“ lässt er Überlebende der Anfal-Offensive zu Wort kommen. Der Schrecken von Al-Anfal hat sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Die Vergangenheitsbewältigung gestaltet sich schwierig. Anlass zur Hoffnung geben Mano Khalil die Entwicklungen im Nordirak.

Mano Khalil, Sie sind Exilkurde aus Syrien. Wie haben Sie Syrien in Erinnerung?
Meine Eltern stammen aus zwei Teilen Kurdistans, meine Mutter aus dem türkischen, mein Vater aus dem syrischen Teil. Wir konnten die Verwandten aber nie besuchen. An Festtagen haben wir uns zwanzig Minuten auf der Grenze getroffen und zwischen Stacheldraht Geschenke ausgetauscht und Onkel und Tanten kennen gelernt. Mein Dokumentarfilm „Wo Gott schläft“ handelt von Kurden, die an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien leben und jeden Tag mit Polizei- und Armeekontrollen zu tun haben. Mit diesem Film haben meine Probleme in Syrien begonnen. Die syrische Regierung erlaubt nicht, dass jemand einen Film über Kurden macht und diesen auch noch im Ausland zeigt. Daraufhin musste ich aus Syrien fliehen, und seit 1996 lebe ich als Flüchtling in der Schweiz.

Warum beschäftigen Sie sich mit dem Medium Film?
Ich beschäftige mich sehr gerne mit Kunst, weil ich da meine Freiheit ausleben kann. Als Kurde darf ich aber in meinem Land keine Filme drehen. Deshalb muss ich mich, obwohl ich Politik hasse, unausweichlich mit dem Politischen beschäftigen. Um für meine Freiheit und die meines Volkes zu kämpfen habe ich ein anderes Mittel gewählt als die Kämpfer in den Bergen, die leider – leider! – zu den Waffen greifen. Wenn Kurdistan einmal befreit ist, und alle glücklich sind, dann drehe ich für sie wahrscheinlich einen erotischen Film. (Lacht.)

Was zeigt Ihr Film Al-Anfal?
Der Film dokumentiert die Anfal-Offensiven von 1987 bis 1988 gegen die Kurden. Europäer sollen über die im Namen von Saddam Hussein geführten Militäroperationen informiert werden. Bis zu 182’000 Kurden wurden damals getötet. Der Film gibt den Überlebenden eine Stimme. Zum Beispiel sprechen zwei Männer darüber, wie sie bei einer Massenerschiessung unter Leichen überlebt haben. Jetzt sagen diese zwei Männer gegen Saddam Hussein* aus, ich habe sie vor wenigen Wochen im Fernsehen gesehen.

Wie sind Sie für die Aufnahmen von Al-Anfal vorgegangen?
Ich habe zwei Jahre in Kurdistan recherchiert und Hunderten von Menschen das Mikrophon hingehalten. Alle haben mir die gleiche Geschichte erzählt: „Sie sind am Morgen gekommen, haben uns in einen Camion verfrachtet und sind weggefahren; sie haben meinen Vater, Onkel, Bruder, meine Schwester getötet.“ Es war sehr schwierig, mit dieser Menge an Geschichten umzugehen. Manchmal war ich verzweifelt. Ich habe immer darauf gewartet, dass jemand vor meiner Kamera die Fassung verlieren würde – aber wer sie verlor, war ich. Ein paar Mal musste ich mich vom Team zurückziehen und weinen. Die Leute dort – glaube ich – brauchen Zeit, bis sie ihre Traurigkeit verarbeitet haben. Die Menschen weinen nicht, wenn sie erzählen, wie auf sie geschossen wurde und wie ihre Familienmitglieder gestorben sind. Zum Beispiel erzählt eine Frau, wie sie 27 Familienmitglieder verloren hat. Ich dachte, wir werden beim Drehen Probleme haben mit ihr, weil sie die ganze Zeit weinen würde. Aber sie hat gesagt: „Weisst du, wie viel ich geweint habe? Ich kann nicht mehr weinen. Die Augen sind trocken“. Und ich glaube es ihr.

Inwiefern hat eine Vergangenheitsbewältigung hinsichtlich der Verbrechen des Baath-Regimes stattgefunden?
Die Menschen sprechen über das, was geschehen ist. Al-Anfal ist eine Zeitwende in der kurdischen Geschichte. Man sagt: „Er ist vor oder nach Al-Anfal geboren“. Anfal wird bei uns mit Tod gleichgesetzt. Man sagt: „Mein Vater ist ‚anfalisiert’, anstatt ‚er wurde getötet’“. Das wird im Sprachgebrauch so bleiben. Die Kriminalität von Hussein und der Baath-Partei zu vergessen ist nicht einfach. Dörfer sind verlassen. Kinder werden behindert geboren, weil die Eltern mit chemischen Waffen in Berührung gekommen sind. Aber die Kurden kehren die Verzweiflung eher nach innen. Deshalb hat auch niemand vor der Kamera die Fassung verloren. Die Kurden verzeihen viel zu schnell. Ich finde das falsch. Jene Kurden, die mit Saddam Hussein kollaboriert haben, sind bis heute unbehelligt. 1991 wurden Tausende irakische Soldaten zurückgeschickt, niemand hat gefragt, was sie gemacht haben oder verlangt sie vor Gericht zu stellen. Bis heute habe ich nicht gehört, dass Kurden von der zentralirakischen Regierung Entschädigungen verlangt haben. Bis heute hat sich auch niemand entschuldigt. Das finde ich eine Tragödie. Die Geschehnisse von Al-Anfal müssen erst aufgearbeitet werden. Die Welt darf sie nicht einfach vergessen. Ich sehe mein filmerisches Schaffen als Gegenmittel gegen das Vergessen und als Unterstützung für die Vergangenheitsbewältigung.

Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven im Nordirak heute?
Heute wird etwas Neues aufgebaut. Man sieht es, wenn man in die Berge geht. Die kurdischen Bauern bauen ihre Häuser aus, legen Gärten an. Jetzt sind sie stolz auf ihren Boden. Die Ära Saddam Husseins ist vorbei, das Auftauchen aus der Unterdrückung macht sich als Lebensgefühl im ganzen kurdischen Volk breit. Südkurdistan ist ein Grundstein für einen kurdischen Staat. Wir sind hier. Es gibt kurdische Institutionen, wir haben eine Armee. Das ist etwas Wichtiges, auch für mich. Wir haben jetzt ein Stück Land, wo wir unsere Freiheit leben können, wo mit der Polizei Kurdisch gesprochen und in den Unis Kurdisch gelehrt wird. Das ist eine Investition in die Zukunft. So etwas wie Al-Anfal darf sich nie mehr wiederholen.

*
Das Interview wurde vor der Vollstreckung des Urteils an Saddam Hussein geführt.

Nachtrag:
Was bedeutet Saddam Husseins Tod für die Vergangenheitsbewältigung?
Der schnelle Vollzug des Todesurteils am 30. Dezember 2006 hat bei den Kurden einen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Das Urteil wurde aufgrund der Ermordung von 148 Schiiten vollstreckt. Der Prozess um Al-Anfal war voll im Gang. Nun wird eine juristische Aufarbeitung schwierig und das Gericht wird sich kaum ein umfassendes Bild über die Geschehnisse machen können. Für die Vergangenheitsbewältigung besonders schwer ist, dass Saddam Hussein nicht mehr für die Anfal-Operation zur Rechenschaft gezogen werden kann. Damit wird es für die Kurden auf symbolischer Ebene noch schwieriger, ihren Schmerz zu verarbeiten.¶



Al-Anfal
Al-Anfal heisst die achte Sure des Korans. Dem Propheten Muhammad wurde offenbart, wie die Kriegsbeute aus dem Kampf gegen die „Ungläubigen“ auf die Seinigen verteilt werden soll. Al-Anfal heisst wörtlich übersetzt „die legitime Beute“. 1987 hat Saddam Hussein seinen Cousin Ali Hassan Al-Majid bemächtigt, den „totalen Krieg“ gegen Kurden zu führen. In Anlehnung an die achte Sure wurde der von März 1987 bis September 1988 dauernde Krieg „Anfal-Offensive“ genannt. Es war das Verbrechen an den irakischen Kurden mit den höchsten Opferzahlen. Bei den Massenerschiessungen, Deportationen, Giftgasangriffen sowie an ihren Folgen starben bis zu 182’000 Menschen.

Mano Khalil
Mano Khalil ist 1964 in Kamishly, im kurdischen Teil Syriens geboren. An der Universität von Damaskus hat er Recht und Geschichte studiert. Von 1987 bis 1994 hat er in der ehemaligen Tschechoslowakei die Fachklasse Regie an der Film- und Fernsehakademie absolviert. Bis 1995 war er freier Mitarbeiter beim Tschechoslowakischen und Slowakischen Fernsehen. Seit 1996 ist er als Kameramann und Regisseur in der Schweiz tätig.

Filmographie: 1988 Oh World / 1989 My Pain, my Hope / 1990 Embassy / 1991 Oh Father / 1992 My God / 1993 The Place where God Sleeps / 1995 Kinoeye (Kurzfilme) / 1998 Triumph of Iron (Dokumentation) / 2003 Bunte Träume (Fiktion) / 2005 Al-Anfal – im Namen von Allah, Baath und Saddam (Dokumentation) / 2006 David der Tolhildan


Vielfalt bestellen